13: Iran (4)

02.05.2018

 

Die Verschiffung zurück in den Iran nimmt wieder fast zwei ganze Tage in Anspruch. Diesmal sind wir allerdings gelassener und lassen den Papierkram für die Einfuhr des Fahrzeuges und den Zoll auf der iranischen Seite von einem Agenten vornehmen. Da wir fünf europäische Fahrzeuge sind, lässt sich der Preis besser verhandeln und wir kommen mit 40 Euro pro Fahrzeug für Hafen- und Einfuhrgebühr sowie einen kleinen Lohn für den Agenten davon. Während Agent Sirius den Papierkram erledigt, genießen wir mit anderen Reisenden das leckere Kantinenessen.

 

Den Iran haben wir mittlerweile ins Herz geschlossen und freuen uns als wir beim Herausfahren vom Hafengelände wieder die kleinen und verbeulten Autos sehen, die frischen Kebabs riechen und sogleich freundlich von zahlreichen Iranern mit „Welcome to Iran“ begrüßt werden. Es dauert nur wenige Minuten und schon haben wir unsere erste Einladung zu Tee und Essen, die wir jedoch dankend ablehnen. Wir wollen raus aus der schwülen Hitze von Bandar Abbas und so schnell es geht in höhere und vor allem kühlere Lage fahren.

 

Zwei Tage vor unserer Überfahrt haben wir durch Cristian (iranisgreat.com) erfahren, dass der iranische Rial drastisch an Wert verloren hat. Haben wir im Dezember noch für einen Euro 47.000 Rial erhalten, soll er nun bei 70.000 Rial liegen. Das liege daran, dass stabile Währungen wie Dollar und Euro absichtlich vom Markt ferngehalten werden, um den Rial in die Höhe zu treiben. Schrecklich für die Iraner, die hilflos zusehen müssen wie ihre Währung innerhalb kürzester Zeit um 30 % an Wert verliert. Auch für uns Reisenden, die nur Bares tauschen können kommt es zu Schwierigkeiten. Die Regierung hat das Geldwechseln verboten, die Wechselstuben haben geschlossen und wir wissen erst mal gar nicht, wie wir an die Landeswährung kommen sollen. Mit westlichen Kreditkarten kommen wir hier ja schließlich auch nicht weiter. Zum Glück kommt uns Cristian zur Hilfe. Er spricht nicht nur fließend Farsi, sondern hat es als einer der wenigen Ausländer geschafft, vor Jahren ein iranisches Konto zu eröffnen. Er hilft uns mit ein paar Millionen Rial aus.

 

Gemeinsam mit Cristian und seiner Familie fahren wir in Richtung Yazd, das wir zwei Tage später erreichen. Auf dem Parkplatz beim Silk Road Hotel treffen wir wieder auf Heidi & Valentin, sowie einen Frankfurter Zahnarzt mit seinem Mercedes Geländewagen. In der Stadt fühlen wir uns pudelwohl. Es gibt eine schöne verwinkelte Altstadt mit Lehmhäusern, in der es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt, tolle Restaurants und Cafes sowie einen orientalischen Basar.

 

Mittlerweile sind zwei Wochen seit unseres Visaantrags für Turkmenistan vergangen und wir haben noch keine Rückmeldung von der Botschaft in Abu Dhabi. Also rufen wir in der Hauptstadt der Emirate an und erkundigen uns. Natürlich geht nicht beim ersten Anruf jemand ans Telefon, sondern man muss es schon mehrere Stunden versuchen, um einen Mitarbeiter an die Strippe zu bekommen. Herr Kerven teilt uns mit, dass er noch kein OK aus der Hauptstadt von Turkmenistan für uns hat. Wir sollen in einer Woche noch einmal anrufen.

 

An einem Abend gehen wir zum Zurkhaneh, einer Art islamischen Männergymnastikstunde. Neben uns sind zahlreiche Touristen anwesend, die den rhythmischen Bewegungen der Muslime zu Trommel und Gesängen zuschauen. Liegestütze, derwischartige Drehungen, Keulenschwingen und Beten wechseln sich ab. Anschließend treffen wir uns mit Said, den wir im November letzten Jahres kennen gelernt haben, in einem Hotel, wo er derzeit arbeitet. Eigentlich ist er Jurist, aber es gibt wie so oft keine Arbeitsplätze für die gut ausgebildeten jungen Menschen im Iran. Wir bringen einen Berg verschiedener Kebab und Reis mit und machen es uns zu dritt im Innenhof des Hotels gemütlich. Nach und nach kommen immer mehr Iraner und Europäer an unseren Tisch. Ganz selbstverständlich im Iran, dass man nicht zu zweit oder dritt bleibt, sondern in der großen Runde zusammen sitzt. So teilen wir unser Essen auf, erzählen bis in die Nacht in verschiedenen Sprachen miteinander und laufen die wenigen Meter im Nieselregen zurück zu unserem Bus. Wie schön und friedlich hier miteinander umgegangen wird, gefällt uns total. 

Am nächsten Morgen fahren wir gemeinsam mit Cristian & Audrey weiter Richtung Teheran. Auf dem Weg dorthin lernen wir Freunde von unseren Mitreisenden kennen. Pouya, die in München lebt und mit einem Iraner für die Zeit von zwei Jahren verheiratet ist befindet sich mit ihrem Zeit-Mann auch gerade auf dem Weg nach Teheran. Da sie kein Hotelzimmer mehr für die Nacht gefunden haben, können sie kurzerhand in Cristians umgebauten UPS-Laster „Couchsurfing“ in Anspruch nehmen. Im Auto der beiden, wo sie mit ihren zwei Kindern leben, ist immer noch ein Plätzchen frei. Und so verbringen wir einen netten Abend und Morgen zusammen. Pouya erklärt uns das Modell der Zeitehe im Iran. Pärchen, die sich noch nicht sicher sind, ob sie wirklich zusammen passen, nehmen die Zeitehe um sich besser kennen zu lernen in Anspruch. Da es vor der Ehe für Muslime nicht möglich ist unverheiratet zusammen zu leben, stellt dies eine gute Alternative für sie dar. Manche nehmen diese Zeitehe nur sehr kurz in Anspruch, um sich mit Mullahs Segen miteinander zu vergnügen. Ein etwas anderes Modell der Prostitution. Sehr merkwürdig, aber legal.

 

In Teheran nehmen wir sogleich Kontakt zu Reza auf. Reza haben wir 2010 kennen gelernt, als wir unseren VW-Bus in seiner Garage haben reparieren lassen. Seit dem waren wir immer mal wieder in Kontakt und wollten ihn nun im Vorort Lavasan treffen. Lavasan ist eingebettet in eine wunderschöne Berglandschaft und wird als das Beverly Hills von Teheran bezeichnet. Ein schicki micki Haus reiht sich an das Nächste.

Da wir Reza´s Haus nicht mehr finden, holt er uns an der Hauptstraße ab und wir fahren gemeinsam zu seinem Haus. Es ist wunderbar ruhig, der Garten so grün und da es draußen mittlerweile dauerhaft regnet sind wir froh in seinem warmen Haus zu sein.

 

Wir hören gespannt Reza´s Lebensgeschichte zu: Anfang der 70er Jahre ist er mit seiner Frau in die USA ausgewandert, da bereits einige Familienangehörige dort lebten. Nachdem er mehrmals umgezogen ist, hat er sich in Phoenix / Arizona niedergelassen und drei Kinder bekommen. In den Sommerferien flog er immer wieder zurück nach Teheran, um sich nebenher eine VW-Werkstatt aufzubauen. Seine mittlerweile erwachsenen Kinder fühlen sich als Amerikaner und reagierten auf den Vorschlag von Reza, zurück in den Iran zu ziehen, mit Ablehnung. Reza, lebt nun dauerhaft wieder im Iran und ist nur wenige Wochen im Jahr zu Besuch in den USA, um seine Kinder bzw. Enkel zu sehen. Er ist traurig, dass seine Kinder nicht mit ihm zurück in den Iran gekommen sind. Er selbst möchte nicht mehr in den USA leben. In Teheran ist er zu Hause und fühlt sich wohl. Rezas Familiengeschichte haben wir immer wieder von Iraner gehört. Wollten sie ihr Glück in jungen Jahren in westlichen Ländern versuchen, sind oft getrennte Familien das Ergebnis. 

Eine Woche ist seit dem Anruf bei der Botschaft in Abu Dhabi vergangen und wir versuchen erneut telefonisch etwas zu erreichen. Wieder nichts. Immer noch keine Rückmeldung bezüglich unseres Transitvisa für Turkmenistan. Aus zwei Wochen Wartezeit sind fast vier geworden und wir werden langsam nervös. Wir wollen es diesmal persönlich bei der Botschaft in Teheran versuchen und fahren daher in die 15-Millionen-Metropole.

 

Wir sind noch nicht in Lavasan los gefahren, als uns Cristian benachrichtigt, dass wir heute Abend zum Essen bei einer iranischen Familie einladen sind. Ihre Freunde sind auch unsere Freunde und so stehen wir ein paar Stunden später mit einer Box voll Kuchen in der Wohnung von Shabnam, ihrem Mann Ali sowie den beiden Kindern Mani und Nima. Das iranische Abendessen beginnt in der entgegengesetzten Reihenfolge eines europäischen Abendessens. Man beginnt mit kleineren Snacks wie Datteln und Nüsse mit Tee, danach folgt der Vor- und nicht Nachttisch in Form eines selbstgebackenen Kuchens bevor man sich dann schon mit halb vollem Bauch an den gedeckten Tisch setzt. Es wird Ghorrm-e-Sabzi mit Tahdig serviert. Ein Bohnen-Lamm-Gericht mit verschiedenen grünen Kräutern und dazu gebratener Reis.

 

Shabnam und Ali sind im selben Alter wie wir und wir sprechen über unsere verschiedenen Lebenssituationen. Wir kommen auf das Thema Todesstrafe und unsere Gastgeber schauen uns ungläubig mit großen Augen an, als wir ihnen berichten, dass es diese in Deutschland nicht gibt. Das erstaunliche ist nicht, dass es keine Todesstrafe in unserer Heimat gibt, sondern die Selbstverständlichkeit der beiden, dass es diese Strafe gibt. Wie verrückt ist das denn?

 

Shabnams Vater wurde im Alter von 25 Jahren exekutiert, weil er einer Gruppe angehörte, deren Motto war: free house, free food, free opinion. Ihre Mutter stand mit 21 Jahren allein mit zwei kleinen Kindern da und musste sich allein durch das Leben kämpfen. Sie hat nie wieder geheiratet und die Kinder mit Hilfe der Familie groß gezogen. Shabnam ist daher ängstlich und würde sich nie an Demonstrationen beteiligten oder sich in irgendeiner Weise den Regeln widersetzen.

 

Wir verbringen mehrere Tage mit Shabnam und ihrer Familie, dürfen ihr Wifi, ihre Waschmaschine, Dusche usw. benutzen und wollen uns in irgendeiner Art für die unglaublich tolle Gastfreundschaft bedanken. Da wir kein Mitbringsel mehr aus Deutschland besitzen und wir wissen, dass sie sich darüber freut, wenn Reisenden etwas Typisches aus ihrem Land für sie kochen, planen wir ein Tradtitionsessen. Nachdem Cristian & Audrey einmal rumänisch kochen, sind wir am nächsten Tag dran. Also gut, was richtig Deutsches. Wir kochen Kartoffelbrei, Karotten-Erbsen-Gemüse mit Frikadellen. Das Essen schmeckt wirklich fast so wie daheim und die Portionen werden zufrieden verputzt.

 

Da Janus seit einiger Zeit ab und zu Zahnschmerzen hat, geht Shabnam mit ihm zu ihrer Freundin, die Zahnärztin ist. Die Praxis unterscheidet sich kaum von einer deutschen und Janus ist sichtlich erleichtert als die Zahnärztin sagt, dass nur die Weißheitszähne raus kommen und sonst alles ok ist.

Da wir nicht ohne Grund nach Teheran gekommen sind, fahren wir an einem regnerischen Tag zur turkmenischen Botschaft. Unsere Pässe werden gecheckt und auch hier bekommen wir die Nachricht, dass unserer Antrag immer noch in Bearbeitung ist. Gleichzeitig rufen wir in Abu Dhabi an und bitten darum, in der Hauptstadt Ashgabat anzurufen und nachzufragen, was mit unserem Antrag ist. Wir sollen ein paar Tage später wieder anrufen.

 

Die Wartezeit verbringen wir mit ausgiebigen Spaziergängen in Parks und verschiedenen Basaren. Wir genießen die iranische Gastfreundschaft, die selbst in einer Millionen-Metropole selbstverständlich ist. Nichts von Anonymität und jeder kümmert sich nur um sich. So werden wir in eine Art Suppenkantine eingeladen, bekommen an unserem Stellplatz Nüsse, Kekse, Obst und sogar frisch gebratenen Fisch durch unser Fenster gereicht. Mehrere Anwohner bieten ihre Waschmaschine und Dusche an. Iran ist wohl eines der wenigen Länder dieser Welt, wo man Einladungen ausschlagen muss, da man bereits eine andere Einladung angenommen hat.

Ursel nutzt die Gelegenheit und lässt sich von Shabnam einen Kochkurs für Ghorrm-e-Sabzi und Tahdig geben. Gemeinsam gehen die beiden einkaufen und stellen sich dann am nächsten Tag zusammen an den Herd. Freunde und Familie zu Hause dürfen sich schon freuen. Bald gibt es nicht nur indisch und türkisch zu Hause, sondern auch mal etwas iranisches.

Der beantragte Einreisetag nach Turkmenistan nähert sich immer mehr und wir machen uns langsam darauf gefasst, dass wir eine Ablehnung unseres Visagesuchs erhalten. Schließlich besteht ja nur eine 50/50 Chance auf ein Visum und wenn man nach fünf Wochen immer noch keine Rückmeldung erhalten hat, sieht das Ganze nicht so rosig aus. Wir planen bereits ein paar Alternativen:

 

Plan A: wir bekommen, oh Wunder, doch noch ein Turkmenistan Visa

Plan B: wir fahren nach Aserbaidschan und nehmen die Fähre nach Kasachstan, um so weiter nach Usbekistan und die anderen Stan-Länder zu kommen

Plan C: wir nutzen unser mittlerweile in Römerberg eingedrudeltes Pakistan-Visa und fahren nicht nach Zentralasien

 

Wir rufen also wie vereinbart wieder in Abu Dhabi an. Herr Kerven ist gerade beschäftigt und wir sollen in zwei Stunden nochmal anrufen. Nach zwei Stunden geht trotz Dauerklingeln keiner ran. Na toll. Und jetzt ist erst einmal Wochenende und zwei Tage passiert wieder nichts. Nochmal warten und warten und warten....

 

Das Wochenende ist vorbei und wir rufen in Abu Dhabi an. Keiner geht ran. Also Anruf in Teheran. Unsere Passnummer wird aufgenommen. Wir sollen in einer Stunde noch einmal anrufen. Eine Stunde später. Ein Mitarbeiter geht ran. Er braucht noch einmal unsere Passnummer. Er hatte wohl einen Zahlen/Buchstaben-Dreher drin. Wir sollen in 15 Minuten wieder anrufen. Ein weiterer Anruf und die nicht mehr geglaubte Nachricht: Your Visa is ok. You can pick it up now. - WAS ? NEIN ? WIRKLICH ? JUHU !!!!

 

Schnell packen wir zusammen, verabschieden uns von Heidi & Valentin und auch noch telefonisch von Shabnam, die gerade bei der Arbeit ist und düsen zur Botschaft. Naja düsen: 15 km durch Teheran. Eine Stunde später sind wir da und klopfen an den Fensterladen. Keiner macht auf. Noch mal klopfen. Wir warten und warten und warten... Plötzlich geht ein kleines Fensterchen auf. Wir reichen Pässe und Dollar rein und wenige Minuten später haben wir tatsächlich unser Visa im Pass. Wir haben noch drei Tage Zeit um zur Grenze zu kommen. Jetzt kommt es auf zwei Stunden auch nicht mehr an und wir treffen uns noch ein letzten Mal mit unseren Reisefreunden Cristian & Audrey zu Nudeln mit Pesto in ihrem rollenden Zuhause. In den letzten vier Wochen haben wir viel Zeit miteinander verbracht, viel gelacht und viel von einander gelernt. Danke ihr Proficamper und bis bald irgendwo auf der Welt.

 

Zügig geht es weiter zur Grenze von Turkmenistan. Für die fast 900 km benötigen wir zweieinhalb Tage. Wir hatten mal wieder eine wunderschöne Zeit in Iran. Nun freuen wir uns aber auf etwas Neues. Bye Bye Orient - Hello Central Asia!